Leseprobe - Man sieht sich ... von Schreiberin

Autor: Schreiberin
Titel: Leseprobe - Man sieht sich ...
Kategorie: Romane & Erzählungen
publiziert am: 14.05.2018 18:51
Inhalt:

Einer unter Vielen

Sie kommen immer wieder, die unentrinnbaren Morgen, jene, die Gott zulässt. Dann stellt Walter sich die Frage, soll ich oder soll ich nicht. Er entscheidet sich dagegen, ist gegen alles, auch gegen Gott, zieht die Bettdecke über den Kopf, will nichts hören, nichts sehen. Das freudlose Einerlei des heranschleichenden Tages will er nur noch wegschlafen.
Das und noch mehr verriet er mir.
Es ist hochsommerliche Wärme, sodass ich den halbschattigen Weg durch die Grünlage zu schätzen lernte. Ich mache gerne einen Bogen um die verkehrsreiche Straße, nehme das kleine Übel Umweg in kauf, um durch die gepflegte Anlage ins Zentrum zu gelangen. Genau dort, sah ich zum ersten Mal Walter. Er saß auf einer Parkbank und hatte das Fahrrad in Reichweite abgestellt. Von da an sah ich ihn regelmäßig.
Er saß einfach da, vorn rüber gebeugt, die Arme ruhend auf seine Schenkel. Sein Gesichtsausdruck zeigte Traurigkeit, er trug immer dieselben Klamotten, saß immer alleine, immer auf derselben abgewetzten Bank. Ich bekam den Eindruck, er würde auf irgendetwas warten. Beim Vorbeigehen schaute ich hin, stets aufs Neue, bis er eines Tages auf meinen unermüdlichen Blick mit einem Lächeln reagierte. Die Nettigkeit wurde zur Gewohnheit, die uns beide für eine Zeit lang einte.
Der warme Sommer hatte sich verabschiedet, das Kalenderblatt zeigte Anfang Oktober. Drinnen und draußen wurde es frisch. Ich musste an den sitzenden Mann in der Grünanlage denken, fragte mich, ob er wieder seinen Stammplatz eingenommen und welche Alternative er wohl im Winter hätte. Er beschäftigte mich. Ich wollte mehr als einen lächelnden Gruß, wollte meine Neugier stillen, warum ein gestandenes Mannsbild jeden Tag auf der Bank herumlungerte, allem Anschein nach die Zeit vertrödelte.
Wie immer saß er dort in vertrauter Pose, so selbstverständlich, als ob er die Sitzgelegenheit gepachtet hätte. Ich ging auf ihn zu und wagte einen Gesprächsansatz, ähnlich wie: »Es wird kühl, der Sommer ist vorbei».
Walter ließ sich auf ein erstes Wortgeplänkel ein. Ich nutzte den günstigen Augenblick und stellte mutig die unaufhaltsame Frage nach dem warum. Da wir uns etliche Male gesehen hatten, fasste er wohl Vertrauen, antwortete nahezu bereitwillig, erzählte mir in groben Zügen seine Lebensumstände. Zuvor lud ich ihn in die Imbissstube am Ende des Parks zu einer Zwischenmahlzeit ein. Er nahm bereitwillig an.
Mein Eindruck war gar nicht so falsch, Walter empfindet eine hoffnungslose Sinnleere. Die Möglichkeit ein normales gesellschaftliches Leben zu führen ging ihm nach und nach verloren. Irgendwann resignierte er, lebt heute unaufdringlich am Rande der Gesellschaft am Rand der Großstadt. Einst war er ein qualifizierter Mitarbeiter, bis das Unternehmen Pleite machte. Walter hatte kaum eine Alternative, musste die bittere Erfahrung machen, dass auf seine schriftlichen Bewerbungen negativ oder gar nicht reagiert und ihm jedwede Chance für einen Neuanfang verwehrt wurde.
Hoffnungsvoll und pflichtbewusst nahm er das Angebot, Maßnahme zur Wiedereingliederung an, dennoch, es gab für ihn keinen Neuanfang. Dafür hatte er das falsche Alter, war inzwischen zu lange raus, im Verwaltungsdeutsch nicht mehr vermittelbar.
Es entwickelte sich eine Dynamik, die er nicht mehr in den Griff bekam. Die Tage mehrten sich mit deutlich erkennbaren Katastrophen aufgrund unabsehbarer Geldsorgen. Den Zwangsverkauf seines Reihenhauses konnte er nicht aufhalten. Alles in allem war er machtlos, verlor Stück für Stück sein Selbstwertgefühl. Immerwährende Streitereien mit der Ehefrau, verständnislose, unersättliche Kinder, brachten das Fass schließlich zum Überlaufen, machten den Alltag zum Horrortrip. Die einst intakte Gemeinschaft war zerrüttet, die Trennung endgültig, so endgültig, dass seine Familie ihm heute aus dem Weg geht.
Zuvor lebte er in seinem Eigentum, von dort aus zog er in eine Zweizimmerwohnung im achten Stockwerk. Er wohnt Tür an Tür im langen Flur eines Hochhauses mitten im sozialen Brennpunkt einer Trabantenstadt, bekommt finanzielle Hilfeleistung vom Amt. Die Schulden aus vergangenen Zeiten werden ihn überdauern.
Die Probleme der letzten Jahre wie auch die heutige Lebensform verursachen Depressionen, die ihn ohne Vorwarnung beschleichen, sich einnisten, nicht von seiner Seite weichen.
Ganz alleine ist er nicht, Walter hat jemanden, um den er sich kümmert, einen einsamen, mürrischen Nachbarn. Er wohnt in einer der vielen Parterrewohnungen. Heimlich gab Walter ihm den Namen, Herr Sonderling.
Herr Sonderling hat kranke Augen, der graue Star macht ihm zu schaffen. Eine Operation steht außer Diskussion, seine Angst vor Komplikationen ist groß. Mit seiner Restsehkraft und der Spezialbrille kommt er noch einigermaßen zurecht. Allerdings liegt die Handlupe griffbereit, wurde unverzichtbar, um die kleinen Dinge groß erscheinen zu lassen. Hinzu kommt, dass er durch den selbst verschuldeten Verkehrsunfalles gehbehindert ist. Der verfluchte Alkohol war schuld, er fuhr zu schnell, unterschätzte die Kurve und kam von der Straße ab. Das Auto hatte nur noch Schrottwert. Eine nennenswerte Entschädigung bekam er nicht, die finanziellen Sicherheiten hatte er vernachlässigt. In seinen besten Jahren arbeitete er als Malergeselle in einem kleinen Unternehmen. Schon immer war sein Verhalten etwas eigenbrötlerisch, zudem ist er schüchtern und kontaktarm, insbesondere was Frauen betrifft. Da gab es aber eine, eine von vielen, die für sein Geld fast alles machte, ihn für wenige Minuten spüren ließ, dass er ein Mann ist. Wenn im Gewerbegebiet die ansässigen Unternehmen ihre Türen schlossen, war die Industriemeile wie leer gefegt. Aber nur kurz, danach erwachte die lange Straße zu neuem Leben, auf dem Straßenstrich begann der Stoßverkehr. Dort war Herr Sonderling ein gern gesehener Stammgast, leise, unkompliziert und zahlungsfreudig. Dennoch, er blieb allein zurück.
Durch die zunehmende Sehschädigung fingen die Einschränkungen im Berufsleben sowie im privaten an. Der Unglücksfall veränderte zusätzlich alles, sodass er irgendwann auf der Schattenseite landete.
Die zwei Männer liefen sich zufällig im Hausflur über den Weg. Es wurde soeben gewischt, der Fußboden war feucht und glatt, zu glatt für einen Geh- und Sehbehinderten. Walter erkannte die Unsicherheit des Nachbarn, führte ihn sicher bis an die Haustür. Das war der Auftakt zu einer eigenwilligen Freundschaft.
Walter besucht ihn zwei drei Mal in der Woche. Sie sitzen am Tisch vor dem Fenster und Herr Sonderling hört Neues aus der Zeitung von gestern. Walter liest ihm geduldig vor. Die Nachbarin zur rechten hat die Tageszeitung abonniert, legt sie am darauffolgenden Tag unter seine Fußmatte. Davon profitieren beide. Manchmal bringt Walter ein Buch mit, eins von etlichen aus vergangenen Zeiten. Die Lesestunde bereichert beide, viel geredet wird nicht, nur das, was nötig ist. Eine unausgesprochene, einvernehmliche Abmachung. Das gute Wissen um das gemeinsame Verweilen genügt.
Es gibt Zeiten, in denen Walter viel unterwegs ist. Inzwischen meidet er allerdings die typischen Plätze der Mittellosen ...
www.Luisa-Lenz.de

Anmerkungen des Autors:

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