Leseprobe - Man sieht sich ... von Schreiberin

Autor: Schreiberin
Titel: Leseprobe - Man sieht sich ...
Kategorie: Romane & Erzählungen
publiziert am: 14.05.2018 18:54
Inhalt:

Bittere Süße

Elisa freut sich, freut sich auf morgen. Sie stimmt sich ein, trinkt den letzten Schluck und lässt genussvoll ein Stückchen Zartbitterschokolade auf der Zunge zergehen. Es wird Zeit, denn die Mutter verkündete schon damals, genügend Schlaf sei das beste Schönheitsrezept. Diese Lebensweisheit will sie nun beherzigen und legt sich ins Bett. Jedoch die Uhr verrät, dass es noch relativ früh ist, somit greift sie zum Kopfkissenbuch, liest an der Stelle weiter, wo sie das Lesezeichen beim Letzten Mal eingeklemmt hatte. Sie schafft nur ein paar Seiten, dann zeigen die Augen Müdigkeit und fangen an zu blinzeln. Rasch setzt sie die Lesebrille ab, bevor die nächtlichen Vorboten sie völlig übermannen um ihren Körper wohlig zu entspannen. Das Buch gleitet ihr noch aus der Hand und schon schwebt sie hinüber ins Land der unbegrenzten Träume.
Jedoch ihre kritischen Augen werden nach dem Aufwachen freudlos, der Spiegel im Badezimmer zeigt gnadenlos sein Spiegelbild. Elisa wendet sich ab, bringt rasch mit beiden Händen die grau melierten Haare in Form, versucht mit einem Stoßseufzer Lebenslinien im Gesicht, ebenso die Knitterfalten am Dekolleté billigend hinzunehmen. Das Gesamtbild zeigt schonungslos ihr Alter.
Aber heute kann sie nicht damit umgehen, denn für die bevorstehende Verabredung will sie die Spuren der Jahre nicht akzeptieren. Sie trägt großzügig die sündhaft teuere, revitalisierende Cream auf, setzt auf die Werbung und hofft, dass die versteckte Zauberformel hält, was sie verspricht.
Anschließend durchwühlt sie die Schublade mit Wäsche, fingert nach Dessous aus Seide, steigt in das schwarze Nichts aus Spitze und entscheidet sich für die halterlosen Strümpfe mit breiter Borde. Sie greift zum Flakon, versprüht den orientalischen Duft auf das Etwas von Wäsche, auf ihre Haut wie auch übers Haar. Das lang anhaltende Bouquet entfaltet sich erotisierend, passt zum begehrten Rendezvous, mehr noch, es macht aus ihr eine begehrenswerte Femme fatale. Geist und Körper sind stimuliert, das sinnliche Lächeln entspannt ihr Gesicht.
Der Schmuckkasten quillt beinahe über, obenauf liegt die Perlenkette mit der magischen Aura. Elisa legt sie um. Sie schmeichelt dem Hals, fügt sich optimal in den Ausschnitt vom hautengen Kleid. Wirkungsvoll trägt sie Lippenstift und Rouge auf, sodass ihr Outfit fast perfekt ist. Bevor sie das Haus verlässt, schlüpft sie rasch aus den flauschigen Pantoffeln und steigt in die Pumps. Ein letztes Mal schaut sie prüfend in den Spiegel.
Wie von Zauberhand berührt, findet sie sich attraktiv, ähnelt nahezu den Best Ager Models aus den Zeitschriften. Zu allen Zeiten lachen sie Elisa an, zeigen sich fotogen, repräsentieren Wohlgefühl, verkörpern ewige Schönheit. Das Geheimnis könnte ein interessanter Mann sein.
Elisa hat Harry, er ist ein interessanter Mann. Zwei lebenserfahrene Menschen hatten sich gefunden. Nicht für immer und ewig, sagten sie sich, nur solange die Liebe gegenwärtig ist. Das ist sie.
Den Wagenschlüssel in der Hand, überprüft Elisa noch rasch den Inhalt der Handtasche, inspiziert die letzten Nachrichten auf dem Handy. Dann steigt ins schwarze Cabriolet. Sie freut sich auf Harry.
Eine Stunde Fahrt hat sie vor sich, schaltet gleich zu Beginn das Radio ein und reiht sich in den fließenden Straßenverkehr. Der Klassiksender bringt vollendete Musik mit berühmten Klavierstücken von ebenso berühmten Komponisten. Leise summt Elisa mit, denkt beseelt an den Tag, der alles veränderte.
Beide besuchten die Ausstellung für moderne Kunst im Museum Folkwang. Zufällig standen sie nebeneinander, betrachteten ein Kunstobjekt, versuchten, in der schöpferischen Darbietung die Kernaussage zu erkennen. Verhalten schauten sie zur Seite, visitierten zögerlich das jeweilige Mienenspiel des anderen. Mit einem mitfühlenden Lächeln nutzte Harry den Augenkontakt, fragte Elisa, ob sie ebenfalls eine Kunstpause benötige. Er wartete gar nicht auf ihre Antwort, sondern lud elegant zu einer Tasse Kaffee ein.
Harry gönnte sich an diesem Tag seine Auszeit, um Kunst und Kultur in Essen wahrzunehmen.
Elisa war noch verabredet, traf am späten Nachmittag eine Freundin. Sie hatten eine Einladung zur Vernissage. Den Tag wollte sie ausfüllen, nutzte somit den Vormittag, um sich über die aktuelle Ausstellung im Museum zu informieren. Der Nachmittag war zum Shoppen angedacht, auch, um sich hier oder da in Versuchung bringen zu lassen, bevor sie den weiteren Künsten frönte. Zeit war somit kein Thema, sie wägte kurz ab, kokettierte ein wenig mit der Antwort, sagte schließlich ja zur überraschenden Pause.
In der Cafeteria wählten sie das runde Tischchen mit Aussicht auf die Fußgängerzone. Elisa sah nur flüchtig nach draußen, schenkte den vorbeilaufenden Menschen kaum Aufmerksamkeit. Ihre Augen ruhten auf Harry. Die andersartige Stimmung entwickelte sich anregend. Der berühmte Funke sprang schnell über und gefühlsmäßig schaute sie auf seine rechte Männerhand, sah den schlichten Ehering. Harry erkannte den prüfenden Blick.
Vergangene Woche erst feierte er seinen zweiundsiebzigsten Geburtstag, fühlte sich gesund und munter, glaubte bis dato nicht an die viel zitierte Liebe auf den ersten Blick. Jedoch von jenem Moment an, wie sie neben ihm stand, hatte es ihn erwischt. Diese Frau, die er bis vor wenigen Augenblicken noch gar nicht kannte, hatte es geschafft, längst vergessene Glücksgefühle zu entfachen.
Er bat sie um ein Wiedersehen und schlug ein Abendessen im nahegelegenen Sternelokal vor. Elisa sagte zu.
Der Tag mit seinen schönen Künsten verlief aufregend, die Begegnung mit Harry nicht minder. Auf der Heimfahrt suchte Elisa nach dem Zünglein an der Waage. Was war es, was sie aus dem Gleichgewicht brachte. Sein Äußeres, auffallend buschige Augenbrauen, der superkurze Bürstenschnitt mit scharf geschnittenen Konturen oder die sonore Stimme, mit der er charmant überzeugen konnte?
Es war einfach alles.
Einige Tage danach sahen sie sich wieder. Beim exzellenten Abendessen mit dezenter Musik in genussfreudiger Atmosphäre, öffneten sich ihre Herzen. Sie erzählten aus unterschiedlichen Leben, erzählten all jenes, was der andere wissen sollte. Bis hinein in den späten Abend verflog die Zeit im Hochgefühl, brachte zusehends Vertrautheit.
Harry ist Kaufmann. Er übertrug die Führung des soliden Familienunternehmens an den Sohn, nachdem seine Frau einen Unfall hatte. Hier und da ist sein Rat auch heute noch gefragt, wird allseits geschätzt. Sein fachliches Wissen und die Innovation der nachfolgenden Generation ergänzen sich, bringen weiterführenden Erfolg.
Er hatte früh geheiratet, das erste Kind kam, die Zeit der beruflichen Entwicklung einschließlich der Verantwortung für eine junge Familie rannte dahin. Seitdem vergingen sechsundvierzig Jahre mit ein und derselben Frau. Ein tragischer Treppensturz brachte Unheil, riss das Familienleben aus gewohnten Bahnen. Seine Frau erlitt durch einen Treppensturz ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma mit Folgeschäden. Sie ist nicht nur körperlich beeinträchtigt, auch das Gehirn wurde durch den Aufprall in seiner Wahrnehmung und Orientierungsfähigkeit gestört. Sie lebt zu Hause, bekommt jedwede Hilfe, um das beeinträchtigte Dasein noch lebenswert zu machen. Jedoch die rückblickenden Schicksalsjahre leben sich im Jetzt sorgenschwer. Das ungnädige Ereignis bewirkte, dass Zusammenhalt und Zukunftsträume düstere Perspektiven bekamen. Einst schworen sie ewige Liebe, im Guten wie im Schlechten. Das hat auch heute noch seinen Wert. Fürsorge wie auch Pflichten gehören für Harry dazu, Herzenswärme blieb, gleichwohl das körperliche Verlangen erlosch. Elisa hatte es geweckt.
Auch sie erzählte aus dem Leben, über ihre Liebe ...
www.Luisa-Lenz.de

Anmerkungen des Autors:

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